Schwatte Zähne - Gedanken zur Hamburger Gothicszene
Tja, ich gehöre dazu, zur sogenannten Schwarzen Szene. Jetzt in Hamburg, früher woanders. Und das schon sehr lange, seit den frühen achtziger Jahren.
Mit zunehmendem Alter frage ich mich natürlich, ob das so sein muss/soll/darf. Andere Leute leben außerhalb von Szenen und auch ganz gut.
Begonnen hat es mit einem Englandaufenthalt 1981. Da machte ich Bekanntschaft mit der britischen New-Wave-Bewegung, die aus der Punkbewegung entstand. Man definierte sich in erster Linie über Musik, nicht über Outfits. Die Farben waren Schwarz-Weiss, aber wir hatten auch Typen in Jeans und Holzfällerhemd dabei. Von Clubs etc. konnten wir nur träumen, wir trafen uns privat (zur grenzenlosen Freude unserer Eltern, die diesen Abenden und der daraus resultierenden Beschallung mit großem Entzücken entgegensahen), hörten Musik, tranken mäßig und unterhielten uns. Wir waren ein recht unterschiedlicher Haufen, den eins jedoch einte, neben einem ähnlichen Musikgeschmack: wir konnten mit dem damaligen Teenie-Mainstream nicht richtig warm werden. Piercings? Fehlanzeige (Wat'n dat?), Tattoos? Ja, für Seeleute und Schausteller. Irokesenschnitte: nicht bei uns, das waren die locker mit uns verbandelten Punks, mit denen wir das Unbehagen vor der herrschenden Jugendkultur, nicht aber die Null-Bock-Einstellung teilten.
Als ich nach Heidelberg zum Studium ging, war erst mal nicht viel mit der Szene. In meiner Frankfurter Zeit (Frankfurt ist für Goten nicht wirklich aufregend, damals nicht und heute auch nicht) war mein damaliger Mann nicht wirklich begeistert und ich war vollauf mit meinem Studium und meinen diversen Jobs sowie der alleinigen Haushaltsführung beschäftigt und hatte wenig Zeit und auch wenig Lust. Dennoch habe ich mich immer noch mit der Bewegung assoziiert, wenn auch eher als passives Mitglied mit sporadischer Anwesenheit.
Das änderte sich, als ich 2001 zum Wave-Gotik-Treffen fuhr. Ich sah, wie sehr sich die Szene seit meiner aktiven Zeit verändert hatte (neue Musikstile, neue Leute, neue Einflüsse, Weiterentwicklung auf allen Fronten) - aber ich war sofort zu Hause und blieb seitdem dabei. Hierbei wirkte auch mein Umzug nach Hamburg förderlich, wo szenetechnisch viel los ist. Ich tauchte also wieder ein, schloß Bekanntschaften, sogar enge Freundschaften und fühlte mich wohl. Trotz der Nachteile. Man wird nämlich für einen suizidgefährdeten Spinner mit Hang zum Satanismus gehalten. Das sind Klischees, die von den einschlägigen Massenmedien gefördert werden, die es nicht besser wissen wollen. Es ist wahr, dass es in der Szene Leute gibt, die schlicht gestört sind, unsoziale Einzelgänger sind und es wird sich - wenn man sich Mühe gibt - bestimmt auch der eine oder andere Satanist auftreiben lassen (wobei echte Satanisten weder auf Friedhöfen ihr Unwesen treiben noch irgend was schlachten), ich kenne allerdings keine. Aber die gibt es woanders auch. Die Szene ist auch nicht homogen, sondern ein Haufen Leute, die sich mehr oder weniger uneinig sind, darüber, was "echt" ist, ob man politisch Flagge zeigen sollte (gegen Rechtsextremismus beispielsweise), welche Musik man hört etc. Der kleinste gemeinsame Nenner ist die Vorliebe für schwarze Klamotten sowie eine kritische Distanz zum Mainstream, die allerdings sehr unterschiedlich interpretiert wird. Die meisten Angehörigen der Schwarzen Szene sind im zivilen Leben unauffällig, optisch gesehen und auch sonst.
Auch mir sind manche Szeneangehörigen peinlich (vor allem, wenn sie tun, als wären Depressionen ein Adelsprädikat, viele Goten sind sehr lebensfroh), aber ich schätze die Vorteile: die gemeinsame Vorliebe für Gewaltlosigkeit (auf Festivals ist die Polizeipräsenz minimal und die Security beschwert sich, dass so gar nichts los ist, randaletechnisch. Wie auch - manche reisen sogar mit Kleinkindern an), vernünftige Umgangsformen, geistiger Tiefgang (nicht immer, aber oft), viel Toleranz, die Abwesenheit des Kampftrinkunwesens sowie die Partykultur am Wochenende (ich tanze gerne). Und natürlich einige der dazugehörigen Musikrichtungen, in meinem Fall sind es vor allem Industrial, EBM und Elektro (auch ich habe mich weiterentwickelt). Ebenso die Tatsache, dass man ob seines Alters nicht als Mißgeburt angesehen wird, wenn man es wagt, einen Club zu besuchen: das Alter ist hier weniger wichtig und ein gutes Bildungsniveau kein Ausschlußkriterium.
Die meisten meiner Freunde (aber nicht alle) hängen ebenfalls mit der Schwarzen Szene zusammen, gehören aber zum eher unauffälligen Teil derer, die schon etwas fortgeschrittenen Alters sind, ebenso wie ich auch. Hier kann ich mit meinem Flanellschlafanzug mit den roten Elefanten dasitzen (ich bitte, dies in geistiger, nicht in praktischer Hinsicht zu sehen), das heißt: ich kann sein, wie ich bin und finde Leute mit ähnlichen Interessen und einer ähnlichen Einstellung - Szene als Ersatzfamilie? Vielleicht. Aber es gibt schlimmeres, denke ich. Daher werde ich dabeibleiben, assoziiert, aber nicht einer festen Gruppe zugehörig, aber trotzdem irgendwie zu Hause dort, bei dem liebenswerten Haufen von Leuten, die ohne die Szene wohl Außenseiter ohne geistige Heimat wären.
M'era Luna 2004
Aufgenommen anläßlich des Welle-Erdball-Konzerts auf dem M'era Luna Festival in Hildesheim. Schwarz hat viele Töne, auch ganz schrille. :)
Mit zunehmendem Alter frage ich mich natürlich, ob das so sein muss/soll/darf. Andere Leute leben außerhalb von Szenen und auch ganz gut.
Begonnen hat es mit einem Englandaufenthalt 1981. Da machte ich Bekanntschaft mit der britischen New-Wave-Bewegung, die aus der Punkbewegung entstand. Man definierte sich in erster Linie über Musik, nicht über Outfits. Die Farben waren Schwarz-Weiss, aber wir hatten auch Typen in Jeans und Holzfällerhemd dabei. Von Clubs etc. konnten wir nur träumen, wir trafen uns privat (zur grenzenlosen Freude unserer Eltern, die diesen Abenden und der daraus resultierenden Beschallung mit großem Entzücken entgegensahen), hörten Musik, tranken mäßig und unterhielten uns. Wir waren ein recht unterschiedlicher Haufen, den eins jedoch einte, neben einem ähnlichen Musikgeschmack: wir konnten mit dem damaligen Teenie-Mainstream nicht richtig warm werden. Piercings? Fehlanzeige (Wat'n dat?), Tattoos? Ja, für Seeleute und Schausteller. Irokesenschnitte: nicht bei uns, das waren die locker mit uns verbandelten Punks, mit denen wir das Unbehagen vor der herrschenden Jugendkultur, nicht aber die Null-Bock-Einstellung teilten.
Als ich nach Heidelberg zum Studium ging, war erst mal nicht viel mit der Szene. In meiner Frankfurter Zeit (Frankfurt ist für Goten nicht wirklich aufregend, damals nicht und heute auch nicht) war mein damaliger Mann nicht wirklich begeistert und ich war vollauf mit meinem Studium und meinen diversen Jobs sowie der alleinigen Haushaltsführung beschäftigt und hatte wenig Zeit und auch wenig Lust. Dennoch habe ich mich immer noch mit der Bewegung assoziiert, wenn auch eher als passives Mitglied mit sporadischer Anwesenheit.
Das änderte sich, als ich 2001 zum Wave-Gotik-Treffen fuhr. Ich sah, wie sehr sich die Szene seit meiner aktiven Zeit verändert hatte (neue Musikstile, neue Leute, neue Einflüsse, Weiterentwicklung auf allen Fronten) - aber ich war sofort zu Hause und blieb seitdem dabei. Hierbei wirkte auch mein Umzug nach Hamburg förderlich, wo szenetechnisch viel los ist. Ich tauchte also wieder ein, schloß Bekanntschaften, sogar enge Freundschaften und fühlte mich wohl. Trotz der Nachteile. Man wird nämlich für einen suizidgefährdeten Spinner mit Hang zum Satanismus gehalten. Das sind Klischees, die von den einschlägigen Massenmedien gefördert werden, die es nicht besser wissen wollen. Es ist wahr, dass es in der Szene Leute gibt, die schlicht gestört sind, unsoziale Einzelgänger sind und es wird sich - wenn man sich Mühe gibt - bestimmt auch der eine oder andere Satanist auftreiben lassen (wobei echte Satanisten weder auf Friedhöfen ihr Unwesen treiben noch irgend was schlachten), ich kenne allerdings keine. Aber die gibt es woanders auch. Die Szene ist auch nicht homogen, sondern ein Haufen Leute, die sich mehr oder weniger uneinig sind, darüber, was "echt" ist, ob man politisch Flagge zeigen sollte (gegen Rechtsextremismus beispielsweise), welche Musik man hört etc. Der kleinste gemeinsame Nenner ist die Vorliebe für schwarze Klamotten sowie eine kritische Distanz zum Mainstream, die allerdings sehr unterschiedlich interpretiert wird. Die meisten Angehörigen der Schwarzen Szene sind im zivilen Leben unauffällig, optisch gesehen und auch sonst.
Auch mir sind manche Szeneangehörigen peinlich (vor allem, wenn sie tun, als wären Depressionen ein Adelsprädikat, viele Goten sind sehr lebensfroh), aber ich schätze die Vorteile: die gemeinsame Vorliebe für Gewaltlosigkeit (auf Festivals ist die Polizeipräsenz minimal und die Security beschwert sich, dass so gar nichts los ist, randaletechnisch. Wie auch - manche reisen sogar mit Kleinkindern an), vernünftige Umgangsformen, geistiger Tiefgang (nicht immer, aber oft), viel Toleranz, die Abwesenheit des Kampftrinkunwesens sowie die Partykultur am Wochenende (ich tanze gerne). Und natürlich einige der dazugehörigen Musikrichtungen, in meinem Fall sind es vor allem Industrial, EBM und Elektro (auch ich habe mich weiterentwickelt). Ebenso die Tatsache, dass man ob seines Alters nicht als Mißgeburt angesehen wird, wenn man es wagt, einen Club zu besuchen: das Alter ist hier weniger wichtig und ein gutes Bildungsniveau kein Ausschlußkriterium.
Die meisten meiner Freunde (aber nicht alle) hängen ebenfalls mit der Schwarzen Szene zusammen, gehören aber zum eher unauffälligen Teil derer, die schon etwas fortgeschrittenen Alters sind, ebenso wie ich auch. Hier kann ich mit meinem Flanellschlafanzug mit den roten Elefanten dasitzen (ich bitte, dies in geistiger, nicht in praktischer Hinsicht zu sehen), das heißt: ich kann sein, wie ich bin und finde Leute mit ähnlichen Interessen und einer ähnlichen Einstellung - Szene als Ersatzfamilie? Vielleicht. Aber es gibt schlimmeres, denke ich. Daher werde ich dabeibleiben, assoziiert, aber nicht einer festen Gruppe zugehörig, aber trotzdem irgendwie zu Hause dort, bei dem liebenswerten Haufen von Leuten, die ohne die Szene wohl Außenseiter ohne geistige Heimat wären.
M'era Luna 2004
Aufgenommen anläßlich des Welle-Erdball-Konzerts auf dem M'era Luna Festival in Hildesheim. Schwarz hat viele Töne, auch ganz schrille. :)
TheJinx - 18. Feb, 15:57
0 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks
Trackback URL:
https://thejinx.twoday.net/stories/528949/modTrackback